Morgenluft spaziert zögerlich durch die geöffnete Balkontüre. Spielt verlegen mit den Gardinen, sieht sich um. Entscheidet sich schließlich zu bleiben, denn mittlerweile ist hier aufgeräumt. Der letzte Rest des intellektuellen Flairs – falls er hier überhaupt jemals beherbergt wurde – rauscht währenddessen ins Freie, begleitet von den Hartnäckigsten der Kaffeedunst-Moleküle, die während den letzten Wochen als wolkenartige, warmfeuchte Gebilde in der Luft hingen. Zwischenzeitlich hatte sich die Befürchtung aufgedrängt, sie könnten sich über dem Schreibtisch abregnen. Nochmal Glück gehabt.

Einatmen, Ausatmen. Hups. Beinahe vergessen wie Frischluft riecht. Oder wie Parkettboden aussieht, wenn er nicht von buntem Blätterbelag versteckt wird.

Der aufkeimende Drang, alle Spuren der Abiturvorbereitungszeit zu eliminieren geht einher mit anderen positiv zu bewertenden Entwicklungen:

Espresso und Guarana werden durch Eiskaffee und Rotwein ersetzt.

Isolation und Quarantäne werden von Frühstücksdates und Sonnenuntergangs-Gesprächen abgelöst.

Getaktete Zeitpläne gehören de facto der Vergangenheit an und in Sachen Produktivität würden wir im Moment nicht mehr ganz so formidable abschneiden.

Zukunftsplanung hat sich endlich wieder einen Platz auf der To-Do-Liste ergattert und die stündlichen Nachrichten-Bombardements von Freunden, die mit „GUCK MAL!“-Aufforderungen Links zu exotischen Reisezielen, Traumuniversitäten und Minijob-Annoncen teilen, sorgen für eine gesunde Überdosis an Zukunftseuphorie.

Mittlerweile ist selbst die emotionale Aufgeladenheit wieder dezent in ihre Schranken gewiesen worden, womit die Manege frei wäre für überfällige „Alltagsfragen“: etwa der Problematik, wie zur Hölle man den kleinen Bruder von Reptilienanschaffungen abbringt (ernsthaft: her mit den Totschlagargumenten!).

Neben der mehr oder weniger vorhersehbaren Entspannungsphase kristallisieren sich jedoch auch verwunderliche Entwicklungen und Erkenntnisse heraus:

Wer hätte beispielsweise ahnen können, dass es tatsächlich eine Kunst für sich ist, stundenlang bewegungslos das Sofa in Beschlag zu nehmen, um reihenweise Serienstaffeln auf Netflix zu verschlingen. Entweder ist das eine Frage des Trainings oder es werden bestimmte genetische Veranlagungen für diese Art von Zeitvertrieb benötigt. Nach den ersten zwanzig Minuten „House of Cards“ stand nämlich zumindest für meine Person fest: So viel Tatenlosigkeit ist dann doch zu viel des Guten.

Wie ich allerdings daraufhin mit dem Vorhaben, einen gänzlich bildungsfernen und möglichst wenig Gehirnzellen beanspruchenden Roman auszuleihen, in die Bibliothek spazieren konnte, um stattdessen mit einem Stapel Sachbücher über die Börse, Sommersmoothies und Singapur wieder heraus zu marschieren, war mir zunächst schleierhaft. Den perfekten Erklärungsansatz für plötzlichen Bildungsdrang trotz wochenlangen Abiturvorbereitungen lieferte jedoch die Schauspielerin Natalie Portman, als sie klarstellte:

„I don´t love studying. I hate studying. I like learning. Learning is beautiful.“

(Sollte ich mich jemals in der Situation befinden, ein Schulgebäude tapezieren zu dürfen, dann mit diesem Zitat.)

Bulimie-Lernen wird jetzt also wieder durch Faszination ersetzt. Und das ist so cool.

Kaum zu glauben, wie interessant die Welt plötzlich wieder wirkt, wenn man sich zuvor sieben Wochen lang mit e-Funktionen und Kurzprosa-Analysen von Max Mustermann auseinandergesetzt hat.

Dieses Wieder-Begeistern-Können ist schön. Darf bleiben.

Gleichzeitig muss aber auch etwas gehen. Nämlich ein kleiner Teil der Grundstimmung dieses Artikels, den es im Folgenden unsanft zur Türe hinauszuschieben gilt. Denn wenn dieser Text förmlich „Sorglosigkeit“ und „Egozentrik“ brüllen würde, wäre das fatal. Fatal vor allem aus dem Grund, weil die Voraussetzung für Sorglosigkeit immer ein gewisses Maß an Verdrängung ist. Verdrängung wiederum ist als Problembewältigung möglicherweise nicht immer die allerschlechteste Methode (etwa bei Reflexion über missglückten Abiturprüfungen), aber im Hinblick auf aktuelle globale Geschehnisse insgesamt trotzdem keine lobenswerte Vorgehensweise.

Der erste Teil der Abitur-Artikel-Reihe war Ausdruck der Bemühung, die eher suboptimale Abitur-Vorbereitungslage zu veranschaulichen – allerdings wohl wissend, dass eigentlich nicht wir Isnyer-Schüler*innen die Leidtragenden der Pandemie sind.

Der zweite Teil der Abitur-Artikel-Reihe ist Ausdruck der Bemühung, das insgesamt überwiegend positive Gefühls- und Gedankenchaos nach den Prüfungen hervorzuheben – allerdings wohl wissend, dass es momentan wirklich wichtigere Themen gäbe, über die wir schreiben und über Sie lesen sollten.

Schwieriger als gedacht, sich selbst beim Verfassen dieser Reihe ernstzunehmen, denn zuerst inmitten der Corona-Krise, dann inmitten der wiederaufkeimenden Anti-Rassismus-Bewegung schreien diese beiden Artikel so laut „HIER! WIR UND UNSERE PRIVILEGIEN!“, dass es fast schon peinlich ist.

Deshalb an dieser Stelle ein paar einschränkende Worte - auf die Gefahr hin, die positive Grundstimmung des Textes zu dämpfen.

Die After-Abiturprüfungszeit ist nämlich nicht nur sehr klischeehaft getränkt in Alkohol und Entspannung, sondern auch in viel Nachdenklichkeit. Nachdenklichkeit darüber, was gerade in der Welt geschieht und wo unser Platz in diesen Entwicklungen ist. Oder wo er sein sollte.

Bereits während im Laufe der ersten Monate des Jahres (man erinnere sich: australische Buschbrände, Gerüchte über einen Dritten Weltkrieg und Nachrichten über sogenannte „Mörder-Hornissen“...) manifestierte sich in den sozialen Netzwerken eine merkwürdige Melange aus Galgenhumor und eingeschnappten Reaktionen gegenüber geplatzten Erwartungen: „2020 is cancelled. 2021 will be our year!“ oder „Can we return to 2019, please? I might even apologize for calling it a stupid year!“

Covid-19 und die Epoche der aufoktroyierten Selbstisolation schien dann endgültig zu bestätigen, was sich als Vermutung aufgedrängt hatte: 2020 hält so gar nichts von seinem mühevoll geskripteten Drehbuch. Auch nichts von den Erwartungen, die wir an die hübsche Jahreszahl hatten. Schade. Dann eben nächstes Jahr. Bis dahin am besten einen frühzeitigen Winterschlaf einlegen, unter die warme Bettdecke kriechen und Erwartungshorizonte für das Jahr 2021 erstellen.

Halbzeit. Dann der Tod von George Floyd, Massenaufstände in den USA, hitzige Rassismus-Debatten weltweit, Solidarität und Sorgen.

Bitte nicht noch mehr globale Schwierigkeiten. War Globalisierung vor 2020 nicht irgendwie ganz nett? Musik aus Spanien, Pizza aus Italien, T-Shirts aus Bangladesch, Blumenvasen aus China?

Mittlerweile scheint „global“ in erster Linie „globale Krisen“ zu bedeuten. Mehr denn je sollen wir uns jetzt nicht mehr nur mit dem eigenen Ego beschäftigen, nicht mehr nur mit Familienkrisen und Sorgen der besten Freundin, nicht mehr nur mit der deutschen Wirtschaft oder der europäischen Politik. Sondern auch noch mit dem Virus aus China, den Bränden in Australien, den politischen Entwicklungen Nordkorea und den bedrückenden Nachrichten aus den USA.

Und irgendwie ist das so überwältigend, dass ein vorzeitiger kuscheliger Winterschlaf verdammt verführerisch wäre. Einfach auf das Jahr 2021 warten, weil dann endlich alles wieder wundervoll friedlich sein wird, weil wir nächstes Jahr niemals zu Reflexion oder Selbstkritik gezwungen werden können, weil 2021 ausschließlich rosarote Tage voller Bali-Reisen, Weltfrieden und Nutella-Pfannkuchen verspricht.

Womöglich ist es aber stattdessen einfach nur höchste Zeit, um damit aufzuhören, die Akte dieses Jahres jetzt schon mit der Aufschrift „Erwartungen verfehlt. Wir Ärmsten.“ zu titulieren, um sie daraufhin in der nächstbesten Schublade verschwinden zu lassen.

Lassen wir die Akte noch auf dem Tisch. Schlagen wir sie nochmal auf. Stift her. Wir sind hier noch nicht fertig.

Und weil sich in den sozialen Netzwerken eben nicht nur zukunftspessimistische „Betrinken wir uns und vergessen das Jahr“-Aufrufe finden lassen, sondern auch gegenteilige Haltungen vertreten sind, muss hier des Ausgleichswegen noch ein weiteres Zitat seinen Platz finden[1].

Leslie Dwight schlägt nämlich einen alternativen Interpretationsansatz für das Jahr vor:

„What if 2020 isn´t cancelled?

What if 2020 is the year we´ve been waiting for?

A year so uncomfortable, so painful, so scary, so raw -

that it finally forces us to grow.

A year that screams so loud, finally awakening us from our ignorant slumber.

A year we finally accept the need for change.

Declare change. Work for change. Become the change.

A year we finally band together, instead of pushing each other further apart.

2020 isn´t cancelled, but rather the most important year of them all.“

 

In den finalen Wochen vor den Prüfungen inhaliert man als Abiturient*in so viele Erwartungshorizonte und Musterlösungen, dass es erschreckend leichtfällt, die Abstufungen zwischen „optimal“ und „katastrophal“ zu übersehen. Zu übersehen, dass „anders als vorgesehen“ und „nicht ideal, aber okay“ überhaupt existieren. Und irgendwie scheinen wir genau das alle ein wenig vergessen zu haben, wenn wir motzig im Home-Office sitzen und das Jahr gleich ganz abschreiben wollen, weil wir Surf-Trips und Wellness-Weekends absagen mussten.

Wie wäre es aber, wenn wir später nicht auf 2020 als das Jahr zurückblicken, in dem wir kurzerhand die Schlafbrille aufgesetzt haben, weil wir mit latenter Überforderung zu kämpfen hatten, sondern zu den zwölf Monaten, in denen nichts so ganz nach Plan zu laufen schien und wir deshalb einen Neuen geschrieben haben.

Heißt konkret?

Weniger: „Abiturprüfungen verhauen – also Abschlusszeugnis gleich ganz vergessen und Ausbildung zum Kanalreiniger beginnen.“

Mehr: Raus aus dem Kanalschacht und retten, was noch zu retten ist.

Weniger: „Plötzlich wieder Rassismus-Schlagzeilen in den USA. Nur gut, dass wir Deutschen so tolerant und friedliebend sind. “

Mehr: „Endlich die längst überfällige globale Rassismus-Debatte wieder auf dem Tisch ausbreiten, Stuhl aus der Ecke schleifen und dazusetzen. Aus den restlichen Monaten ein Jahr basteln, in dem wir uns nicht einfach damit zufrieden gegeben haben, auf Instagram ein schwarzes Foto mit dem Untertitel #Blacklivesmatter und #Blackouttuesday zu posten, uns damit als Friedenspropheten zu fühlen und nach fünf Minuten der Selbstreflexion zu versichern, dass wir so rein gar nicht rassistisch veranlagt sind und die Problematik damit weder unser Bier noch unsere Baustelle ist. Versuchen wir, 2020 in ein Jahr umzugestalten, in dem wir endlich angefangen haben tiefer zu graben. So tief, dass es unangenehm geworden ist, weil wir plötzlich erkennen mussten, dass es nicht mehr ausreicht „nicht rassistisch“ zu sein. Und dann wird 2020 das Jahr, indem wir versucht haben herauszufinden, was das für uns bedeutet. Damit sich der Plan ändert und wir uns mit ihm.“

 

Den letzten Abitur-Artikel habe ich mit dem Wunsch beendet, es möge alles nach Plan laufen, selbst dann, wenn wir genau diesen nicht besäßen.

So würde ich das nicht mehr schreiben.

Ich würde jetzt schreiben, dass wir aufhören sollten zu hoffen, dass alles nach Plan läuft und stattdessen damit beginnen müssen, immer wieder neue Pläne zu entwerfen. So lange bis sie passen. Und zwar bis sie zu dem passen, was dieses Jahr von uns verlangt - nicht andersherum.

 

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[1] Ich entschuldige mich übrigens für die Überdosis an englischen Zitaten (und empfehle bei Verständnisschwierigkeiten PONS statt Google-Übersetzer. Ernsthaft. Nicht Google-Übersetzer. Danke.)